… und die Lämmer schweigen

The POTUS Donald Trump – man mag über ihn denken, was man will – hat sich im Februar 2016 mit einem Retweet auf ein dem italienischen Diktator Benito Mussolini zugeschriebenem Zitat als Faschist “geoutet”. So zumindest wird es von denen verstanden, die ihn in der Öffentlichkeit als jemanden darzustellen bemüht sind, der des Amtes des Präsidenten der USA unwürdig ist. The Donalds Tweet: “It is better to live one day as a lion than 100 years as a sheep”, war seine provozierte Reaktion auf einen Twitter – Account, der sich als Social Bot herausstellte, ein Programm, das eine menschliche Identität vortäuscht, um Nutzer zu manipulieren. In diesem Fall ging es laut der Bot-Programmierer darum, zu beweisen, dass auch Politiker nicht in der Lage sind, sich gegen Manipulationen durch Bots zu schützen.
Die Spitze der Evolution von Social Bots sind intelligente Programme, die über Zugriffe in Social Media Systemen in der Lage sind, mit Nutzern zu kommunizieren. Inwieweit diese Art künstlicher Intelligenz politische Bedeutung hat, hängt davon ab, wie weit es durch Analysen der Persönlichkeitsstruktur von Social Media – Nutzern und einer daraus folgenden Vorhersage von Verhalten sowie der Manipulation von Meinungen möglich ist, die gesellschaftspolitische Entwicklung im Sinne der Programmierer oder der Auftraggeber von Social Bots zu beeinflussen.
In Kreisen derer, die diese Technologien verstehen, besteht kein Zweifel daran, dass so der Brexit und die Wahl Trumps zum POTUS realisiert wurde. Darüber, dass Social Media, Facebook und Co. die Grundlage für Verhaltens- und Persönlichkeitsanalysen liefern, wurde bspw. hier, hier und hier schon hinreichend berichtet.

Es geht aber noch viel weiter.
Beginnen wir mit einem kleinen Streifzug durch die Geschichte. Anfang der 90er Jahre, nach dem Ende des “Orwell – Jahrzehnts”, fand sich in der Zeitschrift “Die Woche” ein Artikel zum Thema Datenschutz, in dem es u.a. hieß:
Ein fiktiver Verbraucher namens Meyer findet ein Anschreiben eines ihm völlig unbekannten Sportkonzerns in seinem Briefkasten: „… Zu Ihrem 35. Geburtstag möchten wir Ihnen als aktivem Basketball-Liebhaber ein besonderes Angebot unterbreiten – unsere neuen Qualitätsschuhe Topass. Der Einfachheit halber haben wir ein passendes Paar in Größe 44 gleich mitgeschickt. In Ihrem Homebanking-Dienst wartet ein fertig ausgefüllter Überweisungsauftrag nur noch auf das O.K. per Tastenklick. Als kleines Dankeschön für Ihre Bestellung ist der Film Emanuelle VI beigelegt, der Ihnen ja noch in Ihrer privaten Sammlung fehlt…

Damals wurde dieser Artikel belächelt. Man fand die Geschichte witzig und Ausdruck der Paranoia von Datenschützern vor einer fiktionalen Orwellschen Weltordnung. Jahre später kam Amazon und legte die Grundsteine dafür, dass die Inhalte des Artikels heute schon lange Realität und ein alter Hut sind.
… und die Lämmer schweigen.

Im Januar 2000 ging ein Aufschrei durch die Welt der amerikanischen Privacy-Verfechter, weil DoubleClick eine Fusion mit AbacusAlliance einging und damit erstmalig nutzungs- und personenbezogene Daten von Konsumenten zusammengeführt wurden. Die Ausschlachtung von Namen, Adressen, Einkaufspräferenzen und demographischen Angaben der Kunden sowie der Einsatz von 100 Millionen Cookies durch Abacus zur Analyse von Nutzerverhalten wurde seinerzeit in Deutschland verharmlost, weil die Cookie-Richtlinie der EU und das damals noch geltende Teledienstedatenschutzgesetz – im Gegensatz zum amerikanischen “Opt-Out” – eine Zustimmung der Nutzer für solche Marketingsinstrumente voraussetzte (“Opt-In”). Überdies wurde auf das sog. Kopplungsverbot verwiesen, mit dem die Erbringung einer Dienstleistung nicht von der Zustimmung des Nutzers zur Preisgabe persönlicher Informationen verbunden werden darf. Dass dieses Kopplungsverbot nur dann gilt, wenn es keine anderen Anbieter mit dem gleichen Portfolio gibt, hat diese Argumentation schon damals ad absurdum geführt.
Heute haben wir uns schon soweit an Cookies, profilierte Werbung und dynamische Preisgestaltung gewöhnt, dass es noch nicht einmal Verwunderung hervorruft, wenn Nutzer es toll finden, täglich Kaufangebote zu bekommen, die genau auf ihre Interessen abgestimmt sind. Es wird nicht einmal mehr die Frage gestellt, ob diese Interessen schon vorher da waren, oder durch psychologisches Marketing hervorgerufen werden.
… und die Lämmer schweigen.

Nachdem im Jahre 2008 Facebook Connect vorgestellt wurde, mit dem sich Nutzer von Facebook mitsamt ihren Profildaten auf anderen Webseiten identifizieren können, wurde im Jahre 2011 durch die Einführung von “timeline” – was 2012 verpflichtend für alle Nutzer wurde – die Voraussetzung dafür geschaffen, dass jedermann aus Facebook heraus seinen Lebenslauf, seinen Freundeskreis, seine Interessen, sexuelle Ausrichtung, sein Verhalten und politische Meinungen für andere öffentlich machen kann, ohne auch nur im Ansatz nachvollziehen zu können, wer neben Facebook diese Daten auswertet und sich für politische oder wirtschaftliche Interessen zu Nutze macht.
…und die Lämmer schweigen.

Heute entwickelt die Werbeindustrie Technologien auf Basis biometrischer Daten, was unter anderem dazu führen wird, dass Kameras im Laden anhand einer Gesichtserkennung die Stimmung eines Kunden erkennen können. In Verbindung mit den Daten, die aus der vom Kunden selbst beschafften Wanze, bzw. seinem Smartphone ersichtlich sind, kann der Ladenbetreiber so erkennen, mit welcher Absicht der Kunde den Laden betreten hat, wie hoch seine Kaufkraft ist, ob er noch skeptisch, oder wild entschlossen zum Kauf ist.

Wie das funktioniert?
Smartphones sind ebenso wie Smart-TVs geschwätzige Systeme, die über ihre Schnittstellen angesprochen werden können. Smart heißt nichts anderes als schlau, d.h., die Systeme sind intelligent, oder anders ausgedrückt, sie haben ein digitales Eigenleben. Kamera, Mikrofon, Bluetooth und W-LAN lassen sich anzapfen, wenn der Nutzer sich mit der Systemkonfiguration seines Telefons nicht auskennt oder das Telefon es grundsätzlich nicht zulässt, dass Schnittstellen deaktiviert werden. Zudem können durch Apps Zugriffe auf Systemkomponenten und Daten eingeräumt werden, bzw. Apps greifen zu, ohne dass der Nutzer aktiv zustimmt (Android z.B. versorgt Google und damit auch die Werbeindustrie mit Standortdaten des Nutzers, auch wenn W-LAN deaktiviert ist).
Die einfachste Variante der Anbieter ist es, die Geschäftsbedingungen von Apps so komplex zu gestalten, dass kaum jemand geneigt oder dazu in der Lage ist, sie zu lesen und deshalb durch hastiges Scrollen dem Button “Ich stimme zu” entgegenstrebt.
Wer macht sich schon die Mühe, bei einer aktivierten App die Hintergrundaktivitäten zu hinterfragen. Eine Abmeldefunktion wird darüber hinaus selten genutzt, da es ja unbequem ist, für jede einzelne Nutzung Passwort und Benutzername erneut einzugeben. Wer sich jedoch aus Facebook oder WhatsApp nicht ausloggt, ist eine wandelnde Datenquelle und jede weitere App kann sich als Wanze erweisen, die ebenfalls auf diese Quelle zugreift.

Für einen Shopbetreiber kann das äußerst profitabel sein, wenn ein Kunde, der sein Smartphone nicht beherrscht, den Shop betritt. Denn im Zweifel hat der Kunde sein Kaufverhalten dem Shop schon frei Haus geliefert. Noch besser für den Shopbetreiber, wenn der Kunde die hauseigene App des Betreibers – passend zur Kundenkarte – bereits auf seinem Smartphone installiert hat und alleine damit schon seine Kaufabsicht kommuniziert hat. Sollte das noch nicht ausreichen, bietet sich immer noch über die Kameras im Laden – neben der Erkennung der Stimmung des Kunden – die Möglichkeit, über die Kleidung eine Kaufkraftanalyse durchzuführen. Krawattenträger sind mutmaßlich vermögender als jemand, der mit Jogginghose und FlipFlops in der Öffentlichkeit auftritt.

Das ist keine Zukunftsvision, denn die Technologie gibt es bereits. Apple macht es mit dem Iphone X vor, in dem Gesichtserkennung als “Security-Feature” verkauft wird. Damit werden Nutzer noch mehr als bisher an biometrische Daten gewöhnt, was wiederum der Werbeindustrie und den fragwürdigen und oftmals verfassungswidrigen Sicherheits- und Terrorgesetzen der westlichen Welt zu Gute kommt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, oder ein schicker Nebeneffekt, dass man diese Technologie so vielseitig nutzen kann.

Und deshalb, liebe Kinder, sind Preisschilder in solchen Läden digital und zeigen von Kunde zu Kunde verschiedene Preise an. Der analysierte Kunde zahlt somit, was er kann oder was die Sache ihm aufgrund seiner Persönlichkeitsanalyse wert ist. Dass dies mitunter sehr viel mehr ist, als für andere Kunden, wird erst dann klar, wenn man Vergleichsmöglichkeiten hat. Aber welcher Markenfetischist und Cohibaraucher verbündet sich schon mit einem Träger von FlipFlops.
…und die Lämmer schweigen.

Was hat das alles mit dem POTUS zu tun?
Politische Meinungsbildung ist genau so manipulierbar wie Kaufverhalten oder Interessenslagen. In der Volkszählungsentscheidung des Bundesverfassungsgerichts wurde 1983 der Begriff der Informationellen Selbstbestimmung definiert, was heute bedeutender ist, als je zuvor.
Selbstbestimmung ist ein wesentliches Merkmal einer Demokratie, der politischen Willensbildung und vor allem die Garantie für Individualität, ohne die eine Demokratie nicht funktionieren kann. Aber wie verhält es sich mit Individualität, wenn die Mehrheit manipuliert wird durch Kräfte, die mehr wissen als andere, sich verborgen halten und eine Technologie nutzen, deren Reichweite der Mehrheit sich nicht erschließt?

Natürlich ist dazu die Frage der rechtlichen Erlaubnis zu stellen. Eine demokratische Gesellschaft schützt nicht nur das Individuum hinsichtlich seiner Privatsphäre, sondern spricht dem Individuum teilweise auch das Recht ab, Persönlichkeitsrechtsschutz geltend zu machen. Dies ist dann der Fall, wenn die Möglichkeit besteht, mit den Daten des Individuums das Bruttosozialprodukt zu steigern. Die hierbei zu betrachtende Verhältnismäßigkeit wird durch eine Einverständniserklärung des Betroffenen gewahrt, wenn Datenverarbeitungen zu sehr in die Privatsphäre vordringen. Kurzum: Man unterstellt dem Bürger im Zweifel Mündigkeit, indem man eine Einverständniserklärung gestaltet, die ohne Jurastudium nicht verständlich ist, der aber zugestimmt werden muss, damit man den Dienst nutzen kann. Damit hat das Idividuum die Wahl. Und da man ja nichts zu verbergen hat – und im Zweifel nicht versteht, worum es geht -, stimmt man dem Ganzen zu (Scroll, Scroll, Scroll…). Das nennt sich dann mündiger Bürger.
…und die Lämmer schweigen.

Andersdenkende werden diskriminiert, weil Kritik an den Algorithmen, mit denen die Mehrheit klassifiziert, manipuliert und gesteuert wird, als Verschwörungstheorie, Paranoia und Schwarzseherei abgewiesen wird. Zudem ist es einfach, Kritik an der Mehrheit von dieser selbst mit Widerstand reflektieren zu lassen. Eine Lüge wird umso besser zur erklärten Wahrheit, je mehr Leute die Lüge verbreiten, auch wenn sie selbst sie nicht verstanden oder Zweifel daran haben. Überdies lässt sich niemand gerne kritisieren und wenn die Mehrheit im Fokus steht, verlaufen die Ansätze von Bedenkenträgern im Sande. Dabei wird aber vergessen: Bedenken kommt von Denken und das Gegenteil von Selbstbestimmung ist Fremdbestimmung. Wenn Lämmer selbstbestimmt wären, würden sie nicht geschlachtet.

Die Kernfrage ist, was mehr Angst macht. Teil der Herde zu sein, die zur Schlachtbank geführt wird, oder in einer Opposition zu stehen, die von denen, die die Herde aus dem Verborgenen führen, argwöhnisch betrachtet wird.
In der Türkei wurde 1483 Richtern und Staatsanwälten gekündigt, weil sie Apps installiert hatten, mit denen verschlüsselte Nachrichten versendet werden können. Andere wurden verhaftet, weil sie an einem Seminar von Amnesty International  teilgenommen hatten, in dem vermittelt wurde, wie man verschlüsselt kommuniziert. Jemand, der dies vor 20 Jahren für die Türkei vorhergesagt hätte, wäre vielleicht auch als Schwarzseher, Unke oder Paranoiker bezeichnet worden.

Das ist das eigentliche Problem der Transparenz des Einzelnen. Höhere Preise zahlen zu müssen, weil man Wert auf Privatsphäre legt, ist nicht ok. Aber der Preis, den man für das gute Gefühl zahlt, nicht Teil einer manipulierten Herde zu sein, ist es wert. Wenn man sich jedoch gegenüber staatlichen Stellen verdächtig macht, weil man nicht transparent ist, werden demokratische Strukturen gefährdet. Und das geht jeden etwas an.

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