Wo ist die Kamera?

Gestern abend habe ich den Taxiunternehmer meines Vertrauens angerufen und wurde von einer Computerstimme begrüßt: „Wir haben Sie als Stammkunden identifiziert. Wenn Sie jetzt die 1 drücken, wird Wagen Nummer 363 in 7 Minuten bei Ihnen sein!“. Nanu? Tatsächlich stand das Taxi im angegebenen Zeitraum vor meiner Haustür. Nähere Recherchen beim Fahrer brachten dann die Erkenntnis hervor, dass die 7 Minuten keine Standardansage, sondern das Ergebnis einer GPS-Ortung sind. D.h., im Moment des Anrufs eines Stammkunden wird über die Nummernkennung der Standort und das nächste verfügbare Fahrzeug ermittelt. Schöner Service, könnte man meinen, wenn der Fahrer gegen die Vollkontrolle seines Arbeitsplatzes keine Einwände hat. Auf meine nicht ganz ernst gemeinte Andeutung, jetzt fehle ja nur noch die Kamera im Fahrgastraum bekam ich dann zu hören: „Die befindet sich genau vor Ihnen und zeichnet sowohl den Fahrgast als auch die Wegstrecke nach vorne auf.“

Wie bitte? Bin ich jetzt etwa im Fernsehen? Gedanken an das „Quiztaxi“ kamen auf … Aber weit gefehlt. Keine Fernsehleute, keine Fragen. Nur eine weitere Überwachungsmaßnahme. Begründet wird das Ganze vom Fahrer mit „Sicherheit“ … wie auch sonst. Jeder gefahrene Meter wird an die Zentrale übermittelt, die Kameras zeichnen den oder die Fahrgäste auf, der Fahrer wird mittels GPS überwacht und man kann das Ganze auch noch mit Ton aufzeichnen.

Es ist immer wieder die gleiche Situation. Technische Möglichkeiten lassen Begehrlichkeiten wachsen. GPS, Kleinstkameras, billige Speichersysteme und eine zentrale Datenbank. Aber wo bitte ist die Grenze?

Vor Jahren schon hat die Datenschützerszene vor einer Entwicklung gewarnt, in der Überwachung als normal empfunden wird. Eine Kamera hier, ein paar Fotos da, ein bisschen Tollcollect, eine Drohne dort. Videoüberwachung auf allen öffentlichen Plätzen, in Verkehrsmitteln, in Kaufhäusern, Firmen. Und immer heißt es „Sicherheit“. Sicherheit wovor?

Aufgrund der Taxiüberwachung bin ich auf das Taxiblog gestoßen. Die hier nachzulesenden Stimmen dürften die Gegensätze in den din-33450-videoinfozeichenMeinungsbildern einerseits gut wiedergeben, andererseits deutlich machen, wie wenig sensibel mit dem hierzulande immer noch verfassungsrechtlich verankerten Persönlichkeitsrecht umgegangen wird. Bis heute gilt meines Wissens nach der Grundsatz, dass eine Videoüberwachung dem Betroffenen gegenüber kenntlich gemacht werden muss. Wagen Nr. 363 hatte keine sichtbare Kennzeichnung, wie z.B. die in der Abbildung rechts.
Genau genommen müsste ebenso wie jeder Fahrgast jede vor einem solchen Taxi sich aufhaltende Person oder andere Fahrzeugführer im Aufzeichnungsbereich darüber informiert werden, dass eine Aufzeichnung stattfindet. Es sei denn, es gibt sicherheitsrechtliche Erfordernisse, die auch von den Aufsichtsbehörden genehmigt werden.

Oder aber die gesellschaftlichen Normen haben sich hierzulande soweit verändert, dass es keiner Kennzeichnungspflicht für solche Einrichtungen mehr bedarf. Dann sollten aber alle diejenigen, die sich in einem solchen Staatssystem nicht wohl fühlen, das Videoinfozeichen von innen an ihre Wohnungstür kleben, um beim Verlassen der Wohnung daran erinnert zu werden: Ab hier beginnt der Überwachungsbereich!! Denn dann wird die Frage nicht lauten, wo die Kamera ist, sondern wo keine ist

3 thoughts on “Wo ist die Kamera?

  1. 1984 lässt grüßen. Sind Sie eigentlich in der Schweiz Taxi gefahren? Ich kann mir kaum vorstellen, dass das in Deutschland gewesen sein kann. Hier werden doch eine Reihe von Grundrechten und Datenschutzkriterien verletzt.
    VG, Martin Bartonitz

  2. Hallo Dr. Bartonitz,
    diese Dinge geschehen tatsächlich in Deutschland, und das nicht nur in Hamburg.
    Wir müssen abwarten, was die Aufsichtsbehörden dazu sagen.

    Gruß

    M. Erner

  3. Hallo Mission100-Team,

    wiedermal ein sehr schöner Beitrag direkt aus dem Leben gegriffen.
    dieser Beitrag wird seinen Platz am schwarzen Brett in unserer PR-Halle finden.

    MFG Rene Rudzok (DSITSK :-)))

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