Voyeure auf Rädern

Heute präsentieren wir Ihnen ein Rezept für ein schmackhaftes Gericht namens Street View. Bei der Zubereitung sollte man äußerste Vorsicht walten lassen, da es andernfalls zu Reizungen der Speiseröhre oder des Magen-Darm-Trakts kommen könnte.

Man nehme:

  • den Marktführer in Sachen Internet-Suchmaschinen
  • mehrere Autos (in Deutschland schwarze Astras mit Hamburger Nummer)
  • High-Tech-Kameras (die im 2-Sekunden-Takt hochauflösende Bilder für Panoramaaufnahmen liefern)
  • eine entspannte Haltung im Umgang mit der Privatsphäre anderer

Zubereitung:
Zunächst lässt man den Suchmaschinen-Monopolisten eine zusätzliche Funktion seines Kartendienstes Google Maps entwickeln: den Karten-Bilderdienst Street View (mehr dazu hier). Hierbei ist streng darauf zu achten, dass man die Privatsphäre seiner Mitmenschen nicht zu ernst nimmt.

Man montiere die High-Tech-Kameras auf den Autos und lasse sie weltweit in den Städten Fotos machen. Das ergibt zahllose 360-Grad-Aufnahmen, die Couchpotatoes virtuelle Städte-Touren ermöglichen (Rütteln am Sofa ersetzt das Gefühl des Fahrens).

In den USA sind die kamerabewehrten Autos des Suchmaschinenriesen bereits in den Vororten der Städte angekommen, so zum Beispiel in Sherwood. Sherwood ist ein Vorort von Little Rock: Amerikanischer Vorstadt-Einheitsbrei, durch den der Google-Fotowagen just in dem Moment kurvte, als ein Haus abbrannte. Dieses geschickte Timing brachte einen guten Schuss Dramatik ins Spiel: Feuerwehr, Polizei, Gaffer – alles was das Voyeuristenherz begehrt. Alles? Nicht ganz: Die Gesichter der Fotografierten werden unkenntlich gemacht. Tröstlich? Auch nicht ganz: Zum einen funktioniert das Pixeln der Gesichtern nicht hundertprozentig und zum anderen könnte man Bekannte, Freunde und Verwandte dennoch erkennen.

Die Bewohner des abgebrannten Hauses in Sherwood haben nun zwei Probleme: kein Dach mehr überm Kopf – und das ganze Land weiß ziemlich genau über ihr Unglück Bescheid, weil Blogger das Thema breitgetreten haben. Mittlerweile sind die Bilder des brennenden Hauses verschwunden. Doch dass das Bild wegen des Feuers entfernt worden sei, stellte Googles Sprecher Stephan Keuchel auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE in Abrede. Vielmehr vermute man, dass jemand ein als „unpassend“ empfundenes Bild gemeldet habe. Optimisten würden sagen: Es gibt die Möglichkeit, Bilder löschen zu lassen. Realisten erkennen hierin neuerliche Datensammelwut: Denn um ein Bild löschen zu lassen, wünscht Google sich eine Beschreibung des Problems, die ein Bild darstellt, eine E-Mail-Adresse …

Um das Gericht Street View weiter aufzupeppen, nimmt Google sich nun Europa vor. In Deutschland erwischt es zuerst Frankfurt, Berlin und München. Glücklich, wer nicht in der Nähe ist, wenn der schwarze Astra vorbeifährt. Sicher, in der Regel dürfte das unproblematisch sein. Doch was bei der Vogelperspektive von Google Earth noch im Rahmen blieb, nimmt bei den Panoramabildern von Street View schnell unerfreuliche Züge an: der Finger steckt bis zum Anschlag in der Nase, der Besuch bei der Drogenberatungsstelle, die Hand am Handy statt am Steuer, das heimliche Treffen mit dem Lover, die an der Ampel bewiesene Rot-Grün-Blindheit … alles abgelichtet. An solchen Szenarien wird deutlich, dass Street View unser Privatleben dokumentiert und für jeden Internetnutzer sichtbar macht. Und es dürfte nicht lange dauern, bis die ersten danach schreien, diese Daten zu nutzen – ungepixelt und zu anderen Zwecken als zu bloßem Voyeurismus.

All das lässt man so lange auf niedriger Flamme köcheln, bis sich keiner mehr darüber aufregt. Beim Abschmecken des Gerichts sollte der Koch übrigens darauf achten, dass die Nichtachtung der Privatsphäre anderer nicht zu auffällig gerät, sonst spuckt ihm doch noch jemand in die Suppe.