Von der Maas bis an die Memel

Geomarketing bezeichnet die Planung, Koordination und Kontrolle kundenorientierter Marktaktivitäten von Unternehmen mittels geografischer Informationssysteme. Bitte was?

Geografie? Maas? Memel?

Zur Erklärung betrachten wir die Wohnadresse der Bundeskanzlerin, Kupfergraben 6 in Berlin. Durch Geomarketing ist bekannt, dass das Haus, in dem Angela Merkel lebt, vor 1900 gebaut wurde. Es hat sechs Haushalte, die Bauweise ist befriedigend. Kein Garten, keine Ausländer, die Affinität für Kundenkarten liegt ebenso wie die für private Krankenversicherungen im Mittel. Die Bewohner gelten als desinteressierte Finanztypen, sind klassische Festnetznutzer und kaum Internet-Poweruser. Das dominierende Alter liegt zwischen 51 bis 60 Jahre, Diabetes und Arthrose sind überdurchschnittlich, Fitness unterdurchschnittlich. Es wird viel Audi, Mercedes und BMW gefahren, wenig Volkswagen.

Und: Anders als Kurt Beck, der auf dem Land wohnt, residiert Angie Merkel laut Geomarketing in einem Stadtviertel, in dem sich auch Zahlungsmuffel und Schuldner finden, wovon Kurt Beck als Landbewohner verschont bleibt. Die Stadtlage unserer Kanzlerin wirkt sich direkt negativ auf ihren Scoring-Wert aus. D.h., wenn Sie der Kanzlerin etwas verkaufen wollen, sollten Sie sich absichern; es könnte sein, dass Sie auf einer Forderung sitzen bleiben. Abwegig?

Nicht nach einem Gesetzesentwurf der Bundesregierung, der am vergangenen Mittwoch verabschiedet wurde. Mit dem Entwurf soll das in den letzten Jahren verstärkt in der Wirtschaft eingesetzte Scoring für Bonitätsprüfung transparenter werden. An und für sich ein lobenswerter Vorstoß des Kabinetts. Sicher auch im Sinne von Angela Merkel, die sich vermutlich wundern würde, wenn sie im Rahmen einer Online-Bestellung informiert würde, dass sie wegen ihrer Wohnlage nur per Nachnahme bestellen kann.

Die Opposition sieht das anders, denn z.B. den Grünen geht der Entwurf nicht weit genug. Die Regierung habe sich nach mehr als zwei Jahren Beratung „auf ein wenig Datenschutz und auf viel Wunscherfüllung für die Wirtschaft verständigt. Künftig bestimme der Stadtteil, in dem man wohne, darüber, ob und zu welchen Konditionen man Verträge abschließen kann. „Wer gemeinsam mit Armen und Migranten in einer „Risiko-Zone“ lebe, bezahle höhere Zinsen, bekomme möglicherweise keinen Handy-Vertrag oder werde vom Kauf gegen Rechnung ausgeschlossen.“ Da hat die Opposition nicht Unrecht.

Nicht nur in meinem Stadtteil dürfte es wie in vielen Ballungsräumen fast normal sein, dass an lauschigen Sommerabenden fremdländische Musik über die zulässige Zimmerlautstärke hinaus durch die Straßen weht. In Sichtweite zu meiner Adresse leben neben Wohnungseigentümern und „Bessergestellten“ aber auch Mitbürger, die vorsichtig ausgedrückt als soziale „Randgruppen“ bezeichnet werden können. Befremdlich war es in diesem Sommer, als zu einem EM-Spiel mit deutscher Beteiligung den Klängen von Kemençe und Tambur aus einer bislang ungeklärten Quelle das Deutschlandlied in allen drei Strophen entgegen gehalten wurde: „… von der Etsch bis an den Belt“.

Muss ich mir jetzt Sorgen um meinen Scoring-Wert machen?

Die Schufa kritisiert am Gesetzesentwurf, dass die Bundesregierung „überraschenderweise akzeptiert, die Kreditwürdigkeit einer Person anhand von Informationen über ihre Wohngegend zu beurteilen“ …

Es bleibt die Frage, welches Ziel ein Unternehmen verfolgt, das Praktiken kritisiert, die es selbst anwendet! Denn das Schufa-Scoring beinhaltet schon seit ein paar Jahren die Bonität einer Wohnlage. Sollte man deswegen umziehen?

Auch hier ist Vorsicht geboten. Das Schufa–Scoring wertet einen Umzug vor Ablauf von drei Jahren als Negativ-Kriterium…

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