James Bond am Münchner Flughafen

Wer glaubt, Iris-Scanner kämen nur in Mission: Impossible, James Bond oder ähnlich „realitätsnahen“ Filmen vor, irrt – und zwar gewaltig. Wie Heise kürzlich berichtete, will die Bundesregierung Iris-Scanner nun auch am Flughafen München einsetzen. Auch?! Ja, auch … Denn vor ca. drei Jahren startete ein Pilotprojekt zur „Automatisierten Biometriegestützten Grenzkontrolle“ (kurz ABG) am Frankfurter Flughafen. Hier wurde ein Verfahren getestet, bei dem die Iris der Passagiere mit einem zentral gespeicherten Template abgeglichen wird.

Dass das Verfahren laut Bundesregierung einen „viel versprechenden Ansatz“ darstelle, glaubt man sofort … doch worin genau sollen denn die Versprechen liegen? Zunächst in der Gewährleistung eines hohen Maßes an Schutz und eines reibungslosen Überschreitens der Grenzen. Wer schon einmal mit den Tücken gleich welcher Technik zu kämpfen hatte, mag daran Zweifel hegen … Doch laut Personen, die Einsicht in den Zwischenbericht des Innenministeriums hatten, habe die ABG auf Basis des Iris-Abgleichs eine hohe technische Einsatzreife erlangt. Nicht nur hätten die Kontrollautomaten das Sicherheitsniveau der Grenzkontrollen erhöht, vielmehr hätten sie bei den Teilnehmern eine hohe Akzeptanz gefunden. Nun ja, etwas anderes war nicht zu erwarten – weiß doch jeder, dass man Probanden nur ausreichend geschickt auswählen muss. So auch hier: Knapp 23.000 Deutsche, EU-Bürger und Schweizer ließen sich seit Februar 2004 freiwillig für den Pilotversuch registrieren. Darüber hinaus stimmten sie zu, dass die Bundespolizei neben ihren Passdaten ein Bild ihrer Iris in einer Datenbank speichern dürfe. Dass man bei einer Gruppe, die freiwillig private Daten in einem solchen Umfang von sich speichern lässt, auf hohe Akzeptanz des Verfahrens stößt, liegt in der Natur der Sache – und sollte daher nicht als repräsentatives Ergebnis gesehen werden.

Wirft man einen genaueren Blick auf das Vorgehen, wird ein weiterer „viel versprechender“ Ansatz klar, denn wenn bei der automatisierten Grenzkontrolle eine Übereinstimmung von Pass und Iris mit den gespeicherten Daten festgestellt wird, kontrolliert kein Beamter mehr. Da haben wir’s doch: Man könnte Stellen einsparen – tolle Idee. Allerdings ist es etwas – wie soll ich sagen? – ungünstig, dass das System von den ca. 100 Teilnehmern, die es täglich genutzt haben, jedem Zehnten fälschlicherweise die Weiterreise verweigert habe. Da musste dann doch wieder ein Grenzbeamter ran. Aber der Schuldige für das Systemversagen ist schnell ausgemacht: der Reisende selbst bzw. sein „unsachgemäßes Nutzerverhalten“ habe den „überwiegenden Teil“ der Fehler verschuldet. Einer der Gründe sei, dass die Reisenden oft zu lange gebraucht hätten, um ihre Iris scannen zu lassen. Aha … das kann natürlich nicht an der Technik gelegen haben?! Aus der Forschung weiß man, dass Eyetracker nicht bei jedem Probanden problemlos funktionieren – wieso sollte das beim Irisscannen anders sein?!

Doch zurück zu den Kosten – sie dienen als „Begründung“ dafür, dass das nicht eben billige Experiment weitere Kreise ziehen könnte: Statt das Projekt wie geplant Ende 2007 auslaufen zu lassen, sollen die Kontrollautomaten nun möglicherweise dauerhaft in größerem Umfang ihren Dienst tun und auch am Münchner Flughafen aufgestellt werden. So sieht es jedenfalls die Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der FDP vor. Technische Lösungen, die Verkehrsfluss und Kontrollqualität wahren, seien billiger als die Einstellung von Personal und der Ausbau der Flughäfen. Dass dabei die Bundespolizei personenbezogene Daten und Irismerkmale in einer Datenbank speichert, was laut Pass- und Ausweisgesetz nicht zulässig ist: Geschenkt! Zwar hatte der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar der Speicherung zugestimmt – dies allerdings wegen des „Testcharakters“ und weil das derzeitige Vorgehen auf einer freiwilligen Einverständniserklärung basiert, womit geltendes Recht umgangen werde. Einer dauerhaften Anwendung fehlt aber die gesetzliche Grundlage.

Schaars Hinweisen, dass angesichts der Speicherung von Bildern des Gesichts und Fingerabdrücken in europäischen Pässen und Ausweisen irisbasierte Grenzkontrollen überflüssig seien, ist an sich nichts hinzuzufügen – bis auf die Tatsache vielleicht, dass sie sich ein bisschen mit seinem Vorschlag, Iris-Template und personenbezogene Daten auf einem Datenträger zu speichern, den der Reisende mit sich führt, zu „beißen“ scheinen … Sicherlich wäre dieses Verfahren das „geringere Übel“, aber wenn die Speicherung überflüssig ist, muss sie ja nicht nebenher noch Unsummen verschlingen. Verbrecher werden von dafür ausgebildetem Personal gestellt – nicht von Daten. Wer etwas anderes glaubt, dürfte auf dem Holzweg sein. Denn ohne dass Daten von jemandem „ausgewertet“ werden, sind sie an sich wertlos – doch dann verpufft die (vermeintliche) Kostenersparnis schnell. Das Kostenargument verfängt also kaum.

Was ist mit dem Sicherheitsargument? Nun, das dürfte nach der Veröffentlichung der Fingerabdrücke Wolfgang Schäubles durch den Chaos Computer Club nachhaltigen Schaden genommen haben: Wenn man selbst seine Fingerabdrücke „zweckentfremden“ kann, wäre bei automatisierten Kontrollen ein Chaos, wie es die Briten gerade in Heathrow erleben, noch eine Kindergartenveranstaltung.

Was bleibt? Das Argument, das offenbar keiner sich anzuführen traut: Bequemlichkeit. Sicher – es wäre eine feine Sache, wenn einen eines vielleicht gar nicht fernen Tages Handy, Auto, Bankautomat, vielleicht auch das Schließsystem an der Wohnungstür via Iris-Scan erkennen. Keine Karten, Schlüssel und sonstige verlierbaren Utensilien mehr suchen – toll. Aber wohin führt uns diese biometriegestützte Bequemlichkeit? Solche Verfahren öffnen „kreativen (Missbrauch-)Ideen doch Tür und Tor. Können Sie sich so gar nicht vorstellen? Nein? Eine wirklich aparte Idee wäre doch, die Mautbrücken an Autobahnen mit hochauflösenden Kameras zu bestücken, die gleich noch die Iris mitscannen – wenn sich eine Iris dann zu schnell zwischen A und B bewegt hat, hilft es nichts, dass man gar keinem Einsatzwagen mit Laserpistole begegnet ist. Den Mitgliedsantrag vom ADAC mit verbesserter Rechtsschutzversicherung gibt’s gleich „gratis“ dazu. Zu viel Sci-Fi konsumiert? Als Mission: Impossible im Kino lief, fanden die meisten die Idee mit dem Irisscanner noch abwegig …