Xing-Boss Lars Hinrichs nennt Nutzer unbedarft

Die Frage, was in der Zukunft mit den Daten der Xing-Nutzer passieren könne, hat Xing-CEO Lars Hinrichs bei einer Fragestunde in einem hamburger Forum damit beantwortet, dass Nutzer des Social Networks „Xing“ im Umgang mit ihren persönlichen Daten nicht exhibitionistisch, sondern unbedarft seien. Vor 10 Jahren wäre die Sicherheitsfrage zum Internet genau so beantwortet worden, wie heute beim Web 2.0, oder eben bei Xing. Wenn es etwas zu kritisieren gäbe, dann nicht das System, sondern das Verhalten von Nutzern, die von der Bereitstellung von Konfigurationsmöglichkeiten zur Privatsphäre auf der Xing-Plattform keinen Gebrauch machen würden.Weiter stellte Hinrichs darauf ab, dass eine Businessplattform wie Xing ein große Chance für den Nutzer sei und brachte hierzu das Beispiel eines Mitglieds: „Habe mich bei Xing angemeldet und schon einen neuen Job“. Die in diesem Kontext kritische Position eines Abwerbeportals für Führungskräfte – welche ein anwesender Personalberater mit den Worten beschrieb „ein Nutzer in einer Firma, den man da raus haben möchte“ – reflektierte der Xing-CEO mit dem Hinweis: „Nur Unglückliche lassen sich abwerben“, und stellte die Vorteile von Xing in den Vordergrund. Es ginge um Wiederfinden von verlorenen Kontakten, einen Jobmarkt und Kontaktmanagement zum Aufbau und zur Pflege von „Vitamin B“.

Die überwiegende Mehrheit der anwesenden Forumsgäste, von denen ca. 60 % Xing-Mitglieder waren, schien mit Hinrichs Ansichten konform zu gehen. Die wenigen kritischen Ansätze bezogen sich auf Wünsche zur Erweiterung der Xing-Funktionsbereiche und auf die wirtschaftliche Position von Xing als börsennotiertes Unternehmen.

Vor diesem Hintergrund drängt sich aus der Perspektive eines Datenschützers die Frage auf, wie ein Social Network als Teilbereich einer modernen Gesellschaft verstanden werden sollte. Eine weitläufige Akzeptanz der Öffentlichkeit drückt aus, welches Verständnis zu diesen Systemen vorherrscht. Die Mitgliederzahlen der einschlägigen Systeme wie StudiVZ, Facebook, LinkedIn oder MySpace sprechen hier eine deutliche Sprache. Alleine Facebook, das als englischsprachiges Studentennetzwerk bekannt geworden ist, hat nach heutigem Stand 63 Millionen Nutzer weltweit.

Sind die kritischen Ansätze verstummt oder werden sie nicht ernst genommen? Was passiert z.B., wenn ein Personalchef in 10 Jahren Daten aus einem sozialen Netzwerk findet, die der Karriere des Betroffenen zuwider laufen? Oder wie würde die Öffentlichkeit reagieren, wenn von einem Politiker oder einem Prominenten bekannt würde, dass er als Student eine Vorliebe für Rauchwaren hatte, die nicht unter die legalen Drogen fallen, und dies in seinem Profil in einem Sozialnetz „öffentlich“ gemacht hat? Die Liste der potentiellen Szenarien ist ergiebig… Sicher, wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten und wer dumm genug ist, solche Informationen in ein Internetportal zu stellen, hat auch selbst Schuld. Ist es aber wirklich so einfach?

Ein Kind muss sich erst an der Herdplatte die Finger verbrennen, um aus dieser schmerzhaften Erfahrung zu lernen. Solch oder eine ähnliche Erfahrung hat jeder von uns im Kindesalter gemacht. Und genau hier liegt das Problem. Nicht jeder, der Daten von sich im Internet preisgibt, erfährt unmittelbar und auf schmerzliche Weise, welche Folgen das haben kann. Das Medium Internet ist immer noch in der Entwicklungsphase und es ist nicht absehbar, wo der Weg uns hinführen wird; auch wenn schon hinreichende Beispielfälle bekannt geworden sind. Bspw. hatte ich hier schon über einen promovierten Psychologen berichtet, der sich als junger Mann in der nervenaufreibenden Prüfungsphase seines Medizinstudiums an einer Londoner Universität Hilfe von den Mitgliedern mehrerer britischer Internet-Foren versprach. Dort schrieb er seine Probleme auf – unter seinem echten Namen. Ein Fehler, den er heute bitter bereut. “Peinlich” findet der promovierte Psychologe es ein Jahrzehnt danach, wenn Kollegen oder Patienten seine Krankengeschichte in den Foren nachlesen würden, da es ihm jahrelang nicht gelungen ist, die Einträge zu löschen.

Der Herr Doktor hatte offenbar nicht kalkuliert, dass nicht nur seine Gesprächspartner lesen können, was er geschrieben hatte. Darüber hinaus können wir nicht wissen, welche Datenbanken in Zukunft wem gehören und ob ausgeschlossen werden kann, dass ein begrenzter Zugang in Zukunft nicht auf eine öffentliche Plattform gehoben wird. Wussten Sie, dass Google 2001 die Datenbestände der bankrotten Betreiberfirma des Usenet-Archivs Deja News aufgekauft hat? Dabei handelte es sich um etwa eine halbe Milliarde Artikel, die aus einer geschlossenen Nutzergruppe mit dem Kauf von Google öffentlich zugänglich wurden. Google selbst hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Usenet-Artikel gesammelt und von Privatleuten und aus CD-Artikelsammlungen zusammengetragen. Im Februar 2001 stellte man die kombinierte Datenmenge unter http://groups.google.com zur Verfügung. Manchmal wundert man sich, wo plötzlich Informationen über die eigene Person oder Firma auftauchen. Überprüfen können Sie das in den Google – Gruppen selbst: *@name.de oder .com oder .net. oder, oder, oder…

Daneben fehlt es aufgrund der technischen Umgebung an einer direkten Wechselwirkung der Nutzer und oft auch am technischen Verständnis. Würden Sie Ihre Vita auf einer Plakatwand im 6 x 8 m – Format an einer Hauptstraße einer Großstadt aufstellen? Im Internet scheint das für die meisten Menschen kein Problem zu sein. Man sitzt vor einem Monitor und bekommt nicht mit, wie die Welt das eigene Profil wahrnimmt. Diese Anonymität ist aber nur scheinbar und das Internet vergisst nicht. Im Zweifel kommt der Schmerz viel später. Nichts desto trotz dürften diese Entwicklungen nicht mehr wegzudenken sein. Bleibt also die Frage: Was tun? Sich von der Masse tragen lassen und darauf vertrauen, dass schon nichts passieren wird oder Verantwortung mindestens für sich selbst in Anspruch nehmen?

Lars Hinrichs kennt die Antwort. Als Ziel für Xing in 10 Jahren hat er einen „Mehrwert für das einzelne Mitglied“ gesetzt. Seine wiederholte Stellungnahme zu den Nutzern lautet: „Die Privatsphäre unserer Nutzer ist uns wichtig und der Nutzer steht bei uns im Mittelpunkt. Wir haben in der Vergangenheit gezeigt, dass dies nicht nur ein leeres Versprechen ist.“ Bleibt zu hoffen, dass die Nutzer das auch wissen und von Ihrer Selbstbestimmung Gebrauch machen. Xing hat die Voraussetzungen dazu geschaffen. Es bleibt jedem selbst überlassen, ob er/sie sich in einem selbstbestimmbaren Umfeld transparent macht, oder auf die Vorteile eines Sozialnetzes verzichtet.

5 thoughts on “Xing-Boss Lars Hinrichs nennt Nutzer unbedarft

  1. Hallo Herr H.
    Nichts für ungut, aber ich kann nicht nachvollziehen, welche Funktionen Sie meinen, oder inwiefern es sich durch gegebene Funktionen bei Xing um eine Verletzung der Privatsphäre handeln könnte, da ich schon lange nicht mehr Mitglied bei Xing bin. Aber: Wenn Sie nicht Mitglied sind, kommt die Frage einer möglichen Verletzung der Privatsphäre erst gar nicht auf 😉

    Gruß

    M. Erner

  2. Es mutet seltsam an, dass es in der sog. „Powersuche“ die Suchoption: „Mitglieder, die kürzlich eingeloggt waren“ gibt.

    Über diese Funktion findet man auch Mitglieder, die sich ausdrücklich gegen das Anzeigen ihres „Aktivitäts-Index“ im eigenen Profil entschieden haben.

    Dieser Punkt verletzt m.E. die Privatsphäre.

  3. Hinrichs Aussage, dass die Xing-Nutzer „unbedarft“ seien, finde ich nun sehr „unglücklich“ bzw. schon schizophren. Weil Xing meine Daten ohne Vorinformation und ohne vorher mein Einverständnis dazu einzuholen (opt-in) für den automatischen Bewegungsmelder missbrauchte, habe auch ich der Plattform den Schuh gegeben. Wer mich sucht, findet alles Wissenswerte über mich bzw. was ich als solches preisgebe auf meiner Website. Und irgendwie fühle ich mich seither viel wohler.

  4. Tja, auch ich habe mich aufgrund der mir damals Ende 2007 nicht bekannten und nicht sichtbaren Werbeeinblendungen auf meinem persönlichen XING-Profil nach einigen Protesten abgemeldet.

    Schön war, dass es viele gemerkt haben und einige gefolgt sind. Andere achten nun mehr auf ihre persönlichen Daten und haben das XING-Profil reduziert. Natürlich nicht alle, aber einige…

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